unileben magazin ausgabe 02'2011
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Miriam Münch gefällt besonders, wie das Judentum mit dem Thema Sexualität umgeht – aber sie ist auch mit ihrem Katholizismus zufrieden. Foto: Scherger

Liebe, Sex und Seelenheil

Die Theologin Miriam Münch hält Vorträge über Sexualität in den Weltreligionen

Nach dem Beischlaf in den Beichtstuhl? Viele Menschen sind unsicher, wie sie ihren Glauben mit der Freude an Sexualität vereinbaren können. Die Freiburger Theologin Miriam Münch hat im Auftrag des Ökumenischen Bildungswerks Waldkirch darüber referiert, wie die Weltreligionen mit dem Thema umgehen. Nicolas Scherger hat sie gefragt, was sie herausgefunden hat.

uni’leben: Frau Münch, warum haben sich die Menschen in Waldkirch ausgerechnet für dieses Thema interessiert?

Miriam Münch:
Viele von ihnen sind etwas älter und haben noch Erfahrungen mit einer strengen Sexualmoral gemacht. Eigentlich wussten sie aber schon immer, dass nicht in der Bibel steht, dass man die Hände auf der Bettdecke lassen muss. Nach unseren Vorträgen haben sie sich erleichtert und bestätigt gefühlt. Denn diese Moralerziehung spiegelt eher die 1960er Jahre wider und weniger die Religion.

Aber gerade die katholische Kirche bleibt in Fragen der Sexualmoral weit hinter der Lebenswirklichkeit vieler Gläubiger zurück.

Religiöse Institutionen sind keine Parteien, die Meinungsumfragen machen und sich danach richten, was die meisten wollen. Sie nehmen für sich eine Wahrheit in Anspruch, aus der sie ihre Lebensregeln ableiten. Deshalb muss man die Sexuallehre der katholischen Kirche im Kontext ihrer Gesamtbotschaft sehen, anstatt sich daran aufzuhängen, dass der Papst Kondome verbietet.

Wie lautet diese Botschaft?

Beziehungen sollen verantwortlich gelebt werden. Begründet wird das mit der Menschenwürde: Es entspricht dem Menschen als Individuum und Gottes Ebenbild, enge Beziehungen zu haben. Deshalb soll die Sexualität, in der der Mensch mit seinem ganzen Körper und seiner ganzen Seele dabei ist, in einer sehr festen Verbindung stattfinden.

Warum beschäftigen sich Religionen überhaupt mit Sexualität?

Gerade die Weltreligionen – Judentum, Christentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus – erheben den Anspruch, den Menschen Orientierung in allen Lebensbereichen zu bieten. Also müssen sie sich mit Sexualität ausei-nandersetzen. Und sowohl Religion als auch Sexualität sind Themen, die jeden betreffen und zu denen jeder eine Meinung hat.

Was haben die Weltreligionen in dieser Hinsicht gemeinsam?

Einerseits haben sie eine sehr entwickelte Ethik, die sie auf die Sexualität übertragen. Menschenwürde, Respekt, Unversehrtheit des Individuums spielen eine große Rolle. Dazu kommt, dass außer bei den asketischen Richtungen auch Fortpflanzung, Ehe und Familie wichtig sind. Andererseits steht die Sexualität aber in Konkurrenz zum geistigen Heil, weil sie an die Welt bindet. Wer gerade mit seiner Frau schläft, kann natürlich nicht gleichzeitig beten. Und mit einer Familie entstehen Verpflichtungen und Bindungen, die das geistige Leben einschränken.

Welche Religionen sind sich besonders ähnlich?

Die Religionen, die von einem schöpfenden Gott ausgehen. Gott hat die Welt gut geschaffen, der Mensch als sein Ebenbild soll sein Werk weiterführen: Seid fruchtbar und mehret euch. Im Judentum wird das besonders stark betont und die Familie hoch geschätzt. Es hat ebenso wie der Islam eine ganzheitliche Sicht auf den Menschen. Er besteht aus Leib und Seele und hat Bedürfnisse, die von Gott gewollt und deshalb in Ordnung sind – innerhalb eines Rahmens, den die Religionen setzen. Die Sicht auf die Sexualität ist also bejahend.

Warum gilt das für das Christentum nicht in gleichem Maß?

Das Christentum teilt mit dem Judentum zwar die Schöpfungsberichte, hat aber auch Einflüsse der griechischen Philosophie mit einer leibfeindlichen Tendenz aufgenommen und damit dem Geistigen einen höheren Stellenwert beigemessen. Außerdem hat es die Schöpfungsberichte in Richtung einer „sexuell übertragbaren“ Erbsünde gedeutet. Das Körperliche ist dadurch etwas in Misskredit geraten, was aber nicht durch die Bibel gedeckt ist.

Zu welcher Weltreligion bestehen die größten Unterschiede?

Zum Buddhismus, weil er ein ablehnendes und entsagendes Weltverständnis hat. Buddhas große Erkenntnis war, dass alles Leben Leiden ist, weil selbst das Schöne vergänglich ist. Auch die schönste Frau wird einmal ein verwesendes Skelett sein. Deshalb ist alles schädlich, was die Lust auf Leben schürt.

Und welche Weltreligion ist Ihnen im Hinblick auf das Thema Sexualität am sympathischsten?

Das Judentum. Dieses Bodenständige und Unaufgeregte, dazu der Wert der Familie, das schätze ich sehr. Aber ich bin auch mit meinem Katholizismus zufrieden.

Warum?

Der Gedanke der Liebe, die die Partner verbindet, ist eine Stärke der christlichen Tradition. Die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils aus der Mitte des 20. Jahrhunderts haben eine Rückbesinnung auf biblische Traditionen eingeleitet. Sie betonen, wie wichtig die Sexualität für das Miteinander der Ehepartner ist, dass sie deshalb wertvoll ist und man nicht leichtfertig damit umgehen darf. Diesen Gedanken kann ich guten Gewissens vertreten.